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Grundlegende Gedanken
Das Hauptziel der Erziehung in den Schulen sollte es sein, Männer und Frauen zu schaffen, die fähig sind, neue Dinge zu tun, nicht nur zu wiederholen, was andere Generationen gemacht haben; Männer und Frauen, die kreativ sind, erfinderisch und Entdecker, die kritisch sind und nachprüfen können und nicht alles annehmen, was ihnen angeboten wird.
Jean Piaget (1896-1980), Schweizer, von Beruf Entwicklungspsychologe und Epistemologe
Auf diesen Seiten geht es mir unter anderem vor allem auch um die Verlogenheit im Kontext des schulischen Geschehens, was natürlich zusätzlich den eigentlich offensichtlichen Unsinn gegenwärtig praktizierter Inklusion betreffen wird ... Leider sehe ich da auch im Jahre 2023 keine tiefgreifende Verbesserung in Sicht; das Gegenteil ist eher der Fall: es fehlen Lehrkräfte in großer Zahl -- dies mit zunehmender Tendenz, die Arbeitsbedingungen an Schulen werden immer schlechter, die Überforderung der Schulen mit zusätzlichen Herausforderungen nehmen zu. Gleichgeblieben sind auf vielerlei Ebenen nur die euphemistischen Umschreibungen von Mangelzuständen und die üblichen, nicht zielführenden "Sonntagsreden". Wie kann man denn unter den vorherrschenden Umständen heutzutage jungen Menschen da noch raten, den Berufe einer Lehrkraft zu wählen?! Dabeí ist Lehrer einer der wichtigsten Berufe für eine Gesellschaft und es könnte auch so ein erfüllender sein -- könnte, wenn eben die Verhältnisse andere wären, wenn Lehrkräften wieder mehr Achtung und Unterstützung entgegengebracht würden, wenn vor allem auch Politik, Administration wie auch die eigentlich zur Erziehung Verpflichteten wenigstens schon einmal dafür sorgen würden / könnten, daß die notwendigen Bedingungen für erfolgreiches schulisches Arbeiten erst einmal (wieder) geschaffen und dann erhalten werden, um so dann -- hoffentlich auch -- die hinreichenden zu gewährleisten, aber genau davon sind wir weit, sehr weit, entfernt, und wir entfernen uns davon immer weiter ...
“These children and their parents know that getting an education is not only their right, but a passport to a better future – for the children and for the country.” (Harry Belafonte)
--- wenn das doch nur allen für die Schule Verantwortlichen und Erziehungsberechtigten sowie auch Schülern einmal so klar wäre!
Mehr Lehrkräfte sollten unaufhörlich und deutlich vernehmbar immer wieder auf die schulische Wirklichkeit hinweisen!
Längst unerträglich und auch pharisäerhaft erscheinen mir die andauernden Jammerorgien über "Qualitätsmängel" im deutschen Schulwesen, vor allem über die Arbeit der Lehrkräfte. Woran es wirklich krankt, ist eigentlich schon seit Jahren offenkundig: Überfrachtung der Schulen und der Lehrkräfte mit immer neuen Aufgaben und Problemlagen, undurchdachte aufoktroyierte Maßnahmen (z.B. Inklusion ohne vorher die notwendigen Bedingungen dieser Institutionalisierung zu klären), unter den gegenwärtigen Bedingungen nicht leistbare Integrationsaufgaben, fehlendes Personal, kaum Psychologen und Sozialarbeiter als Hilfe im schulischen Alltag, Absenkung der Leistungsanforderungen (um der Öffentlichkeit "schöne" Statistiken zu präsentieren), Mängel in Schulverwaltung und Schulpolitik und eine auch mit Zahlen eindeutig aufzeigbare Unfähigkeit, genügend Lehrkräfte zu rekrutieren.
Daß man nun zu wenig Lehrer hat -- und daß diese Problematik zunehmend gravierend in die Zukunft fortgeschrieben wird -- dürfte nicht zuletzt auch daran liegen, daß durch den Umgang mit Schule und Lehrkräften die Arbeit an Schulen immer unattraktiver wird. Statt hier der Notwendigkeit einer Problembewältigung zu entsprechen, schaffen es Politik, Verwaltung und eine bestenfalls sehr oberflächlich mit den Problemlagen schulischen Arbeitens informierte Öffentlichkeit "hervorragend", eine schulische Arbeitssituation zu schaffen, welche diesen Arbeitsplatz als eher einen zu vermeidenden erscheinen läßt. Wer von den jungen Menschen wird -- gerade angesichts des Arbeitskräftemangels und der sich daraus ergebenden guten Berufsaussichten in anderen Berufsfeldern! -- es sich vor dem Hintergrund der Kenntnis, "wie es an Schulen so läuft" sich den Lehrerberuf noch antun wollen?! Nein, hier wurden die Weichen längst völlig falsch gestellt, nun steckt der Karren fest. Aussicht auf Besserung: kaum ...
An mehreren Stellen habe ich immer wieder darauf hingewiesen, daß einer unter vielen Fällen als Grund für die Verschlechterung der schulischen Arbeitsbedingungen die Stärkung des Elternwillens war und ist! Es macht keinen Sinn, Menschen eine Performanz einzuräumen, wenn ihnen die Kompetenz dazu fehlt. Über die Wahl der für ein Kind passenden Schule haben individuelle Leistungsfähigkeit und Aspirationsniveau zu entscheiden und nicht eine Art von Wunschkonzert. Nicht Eltern soll man bestimmen lassen, gegen die Empfehlung und gegen das fundierte Urteil der Lehrkräfte über den weiteren schulischen Weg zu handeln. Nicht Eltern soll man den Weg öffnen, maßgeblich in den schulischen Arbeitstag und die entsprechende pädagogisch fundierte Arbeitsweisen hineinzuregieren. Nicht Eltern darf man entscheiden lassen, was eine Lehrkraft zu tun und zu lassen hat. Schon gar nicht jene Eltern / Erziehungsberechtigten, die selbst immer wieder ihre eigene Unfähigkeit oder gar den eigenen Unwillen zu einer Erziehung ihres Kindes einen notwendigen Beitrag zu leisten beweisen! Diese Fremdattribuierung von Kindesversagen muß wieder ein Ende finden! Nicht die Lehrkräfte sind schuld, wenn ein Kind keine Hausaufgaben macht, ohne das entsprechende Material zu Schule kommt, den Unterricht durch Frecheit undunsoziales Verhalten stört -- für die basale Entwicklung und eine fruchtbringende Sozialisation ist das Elternhaus verantwortlich und diese Erkenntnis muß wieder mehr in den Vordergrund gerückt werden. Nicht die Eltern bestimmen die Schule, sondern die in jeglicher Hinsicht auf Professionalität ausgbildeten Lehrkräfte! Hier mag durchaus das alte Sprichwort für Eltern gelten: Schuster bleib bei deinen Leisten ... Wer über die in der Schule erbrachten Leistungen entscheidet, wer das Lern- und Arbeitsverhalten eines Schülers urteilt, das sind die jeweiligen Lehrkräfte in verantwortungsvoller Kooperation und nicht eine dem tatsächlichen Alltagsgeschehen völlig entrückte und zumeist in häuslicher (und oft auch in gesellschaftlicher) Wunschperspektive gefangene Aufplusterei und / oder ein Besserwissertum. Die Tatsache, daß man selbst irgendwann einmal eine Schule besucht hat (sich dabei vielleicht oft nicht gerade mit Ruhm bekleckert hat ...), rechtfertigt keine Legitimation für die Dominanz von "Elternwillen". Es ist ein großer Unterschied, ob man sich als Eltern mit Lehrkräften partnerschaftlich unter Anerkennung der jeweiligen Kompetenz und Zuständigkeit zusammensetzt um dem (richtigen!) Wohle des Kindes zuzuarbeiten oder ob man selbstherrlich eigene Mängel in der Erziehung und Sozialisation verdrängt und alle Schuld für Versagen der Schule anlastet. Hier müssen wieder einschneidende und entschieden Grenzen gezogen werden, will man schulischem Arbeiten wieder optimale Bedingungen schaffen.
Ein Problem in diesem Dilemma, das nicht selten in eine Art Krieg zwischen Eltern und Schule ausartet, ist auch, daß Lehrkräfte durch diese Machenschaften psychisch belastet, dies bis hin zu einem Burnout, werden. Folge: es fehlen weitere Arbeitskräfte, die Arbeit an Schulen wird noch weniger leistbar. Leider gibt es in aller Regel nur sehr wenig Lehrkräfte, die sich gegen die Zumutungen, welche einige Eltern, bisweilen auch Schulausicht, Administration und Schulpolitik, zur Wehr setzen. Möglich wäre dies sehr wohl. Dazu bedarf es aber entsprechender Courage, zudem einer großen Solidarität. Voraussetzungen, die man meist vergeblich sucht .... Also wird weiter gelitten, im stillen Kämmerlein geklagt, zu Kompensationsverhalten mannigfaltiger Art gegriffen, resigniert ... Fakt auch daraus: Es ändert sich weiterhin -- nichts!
Oft ist es bei der Analyse von Sachverhalten bzw. deren Schilderung einen Blick in die Literatur zu werfen, nicht nur weil es unterhält, sondern auch weil es interessant, häufig sehr aufschlußreich und hinsichtlich Lösungsansätzen resp. Wirklichkeitserfassung dienlich sein kann. Auf Markus Orths herausragendes Buch "Lehrerzimmer" (2003 Frankfurt am Main) habe ich ebenfalls schon mehrfach und an den unterschiedlichsten Stellen hingewiesen. Orth schildert einen Direktor (den es in dieser kritischen und ehrlichen Sicht leider nur höchstselten gibt und der dadurch das Prinzip des vorauseilenden Gehorsams kaum unterminieren dürfte ...), der Klartext spricht: "Man könne (...) vier Säulen unterscheiden, auf welche das gesamt Schulsystem sich stütze: Die Säulen nenne er Angst, Jammer, Schein und Lüge." Inwieweit diese vier Säulen sich in Reinkultur an den einzelnen Schulen aufzeigen lassen, dürfte -- Gott sei Dank -- sehr unterschiedlich sein. Aber es dürfte wohl kaum eine Schule geben, die nicht in gradueller Unterschiedlichkeit von all den vier Säulen betroffen sind. Und daran gilt es zu arbeiten und dazu gehört eben auch wieder eine eindeutige Zuordnung von jeweiligen Positionen. Gegen die Formen von Weltfremdheit und Erziehungsversagen einer zunehmenden Anzahl von Erziehungsberechtigten (= Erziehungsverpflichteten!!!) ist dabei genauso energisch vorgzugehen wie gegen die Zumutungen seitens (faktisch eher aus einer Bürostuhlperspektive agierenden) Schulaufsicht und den imaginäre Wunschbilder zeichnenden Unzulänglichkeiten politischer Provenienz! Und hierzu bedarf es Lehrkräfte, die sich angesichts der verlangten Unmöglichkeiten im Erbringungsspektrum nicht einschüchtern lassen, sondern die Dinge beim Namen nennen: unmißverständlich und trennschaft! Die keine Möglichkeit für Ausflüchte und Rationalisierung der wirklichen Verhältnisse anbieten. Die an Euphemie orientierten Wirklichkeitsleugnern kein entsprechendes (Geistes-)Futter anbieten.
Einen solchen (aus Obrigkeitssicht gewiß mindestens als "renitent" definierten) Lehrer schildert auf wunderbare Weise Dörthe Hansen in ihrem Roman "Mittagsstunde" (München 2018). Auch wenn jener Lehrer aus einer vergangenen Zeit stammt, eine Analogie zur Gegenwart läßt sich unschwer herstellen, wobei man sicherlich nicht nur die Unterrichtsgegenstände im Abschnitt "Völker, hört die Signale" austauschen muß ...
"Lehrer Steensen packte den Karton erst gar nicht aus. Sachkunde -- Brücken zur Welt, das Lehrbuch für das neue Schulfach, das er jetzt statt Heimatkunde unterrichten sollte. Er ließ die Kiste mit den neuen Büchern gleich im großen Schrank der Schulbibliothek verschwinden. Dann machte er mit einem Schleswig-Holstein-Heimatbuch von 1949 weiter.
Er würde sich nicht in sein Handwerk pfuschen lassen von progressiven Pädagogen, die ihm absurde Fächer in den Lehrplan schreiben wollten. (Sic! d.V.) Weil eine Horde ungekämmter Bildungsrevoluzzer plötzlich fand, dass Heimatkunde ideologisch überfrachtet sei. Er würde sich genauso wenig um die neuen Dienstanweisungen zur gewaltfreien Erziehung kümmern. Weil sie unsinnig waren, weltfremd. Wer die körperliche Züchtigung im Unterricht verbieten wollte, hatte nie vor vierzig Dorfkindern gestanden, dickfellig und rauflustig wie eihne Herde Jungvieh. Die Schüler mussten wissen, wo ihr Rang in dieser Herde und wer das Leittier war. Natürlich durfte man nicht übertreiben, er hielt gar nichts von sadistischem Geprügel oder harten Schlägen an den Kopf. Man musste väterlich ermahnend bleiben, kameradschaftliche Härte ziegen, Augenmaß und ein gewisses Fingerspitzengefühl. (...) Ganz ohne ging es aber nicht, wenn man als Lehrer nicht zum Hampelmann verkommen wollte. Man war nicht der Hanswurst.
Man wurde aber milder mit den Jahren, er war besonders mit den dummen Schülern nachsichtiger geworden. Früher hatte ihn der Jähzorn übermannt, wenn ihn ein leeres, stumpfes Augenpaar anstierte. Inzwischen wusste er, dass manchmal nichts zu machen war. (Sic! d.V.) Es gab tatsächlich Kinder, die nichts lernen konnten, dieser bitteren Erkenntnis musste sich ein Lehrer früher oder später stellen. Einen Schüler ohne Geist zu unterrichten, war wie Funkenschlagen in einer Tropfsteinhöhle. Zum Scheitern verurteilt. Echte Dummheit ließ sich nicht kurieren. [Anm.: diese Passage erinnert mich an Kurt Gillhuber, Mathe- und Physiklehrer, der uns, wenn wir über "Dumme" klagten, immer wieder mit einem "Dumm bleibt dumm, da helfen keine Pillen!" an die Wirklichkeit erinnerte ...] Bei der trägen Dummheit war es anders, da konnte man als Lehrer etwas tun, da hieß es kämpfen und dem Schüler Beine machen. Steensen glaubte an die alte Schule: Morgenlied, Gebet und Inspektion der Hände vor dem Unterricht, neun Jahrgänge in einem Klassenzimmer, Stillarbeit und Schönschrift. Und seine Schüler lernten Heimatkunde.
Für dasGerede von der Chancengleichheit hatte er nur Mitleid und Verachtung übrig. Er glaubte nicht an Gleichheit, sondern an die Unterschiede. Es gab in jeder Klasse zwei, drei wirklich dumme Schüler und genauso viele kluge, und der Rest lag irgendwo dazwischen. Nach ein zwei Wochen hatte er sie durchsortiert, ab dann verfuhr er wie ein Arzt. Die Dosis macht das Gift. Einmal alle durchgeimpft, solide Volksschulbildung kriegte jedes Kind von ihm. Lesen, Schreiben, Rechnen, Religion und Heimatkunde, für die meisten reichte das. Sie sollten Bauern, Bäcker, Tischler, Mütter und Verkäuferinnen werden, also nicht zuviel des Guten. (...) Den Hoffnungslosen, Sitzenbleibern, armen Stotterern und leicht Zurückgebliebenen, die sich beim Denken nur unnötig quälten, gab er Aufgaben im Lehrergarten. (...)
Für die Klugen nahm er sich ein bisschen mehr Zeit. Manchmal war sogar ein Oberschulkandidat dabei. (...)
Genauso würde er den Heimatkundeunterricht verteidigen. Einfach weitermachen wie bisher, es hatte seinen Schülern in den letzten dreißig Jahren nicht geschadet. Und er wusste, niemand würde ihn daran noch hindern. Es spielte keine Rolle mehr, weil es die Brinkebüller Schule nicht mehr lange geben werde. (...) Es traf sich gut, er war dann auch im Alter für den Ruhestand. Die Zeit der Dorfschullehrer war vorbei, die Kinder würden bald im Bus zur Dorfgemeinschaftsschule fahren und von gewaltfreien Pädagogen Dinge lernen, die kein Mensch gebrauchen konnte. Mengenlehre und textiles Werken. Sachkunde! Ganz sicher nicht mit Lehrer Steensen." (Dörte Hansen, S.227 ff.)
Und später (S. 242) -- sein Dasein als Lehrer geht nun zu Ende -- heißt es dann: "Steensen wusste selbst nicht ganz, woher die Heiterkeit auf einmal kam, Dass seine Lehrerzeit in Brinkebüll zu Ende ging, erfüllte ihn mit einer Leichtigkeit, die er von sich nicht kannte. Keine Wehmut, keine Bitterkeit, kein Hadern mit den fünfunddreißig Jahren, nur das befreiende Gefühl, dass all das Neue, Progressive, das jetzt kam, ihn nicht mehr kümmern musste. Nach ihm die Mengenlehre, Sachkunde, gewaltfreie Erziehung. Nach ihm die Revolutionäre."
Daß ich gerade diese Auswahl -- Lehrer Steensen, der dann am Ende seiner Schulzeit in der Zeitung eine Ehrung erfuhr, vor allem wurde nun sein Vornamen Christian genannt ... -- getroffen hat, bedarf einer kurzen Erläuterung. Natürlich wende ich mich nicht gegen "Gewaltfreiheit", Gewalt sollte auf keiner Seite mehr einen Platz bekommen, sehr wohl jedoch die Einforderung von Disziplin und Ordnung, die erfolgreiches Lernen als notwendige Bedingung erst ermöglichen! Und was an jenem Beispiel aus meiner Sicht ebenfalls abgelesen werden kann: nicht all das, was immer wieder als Erneuerung im Pädagogischen verkauft wird, ist zielführend. Was sollen Tablets, iPods, Smartboards (Digitale Tafeln ...), wenn man es nicht vorher geschafft hat (= auf Grund der Umstände nicht schaffen konnte!), den Schülern richtiges Lesen und Schreiben beizubringen, wenn bereits eine soziogrammatische Darstellung der personellen Lernsituationen ein Scheitern auf breiter Ebene ausweist. Es macht keinen Sinn, wenn man immer wieder eine neue Sau durch die Schullandschaft treibt, damit nur Unruhe hervorruft und systematisches Lernen behindert. Wohl dem System, wenn es noch Lehrkräfte gibt, die gegen Impertinenzen und offensichtliche Überforderung (auch wegen nicht vorhandener Manpower!) vernehmlich aufbegehren. Manchmal ist es eben auch notwendig Sand im Getreibe zu sein! Warum denn entsprechenden Eltern nicht verdeutlichen, daß sie auf Grund ihrer Ahnunglosigkeit, Uninformiertheit sowie pädagogischen Inkompetenz keinen zielführenden Beitrag leisten (können)!? Warum denn nicht einem Vertreter aus der Fraktion der Schulaufsichtsbehörden nicht deutlich machen -- dies am besten mit handfesten Belegen! --, daß sie mit ihrer Kenntnis aus der Bürostuhlperspektive und ihren eigenen schulischen Kenntnissen aus ihrem Annodazumal kaum einen Beitrag zu innovativen schulischen Wirken leisten können. Das geht! Sicherlich mit gebotener Höflichkeit -- ABER: bestimmt.
Schulen müssen (wieder / erneut / erstmals / etc.) lernen, ihre Wirklichkeit trennscharf und deutlich darzustellen und Hinderungsgründe für effektives schulisches Arbeiten deutlich benennen! Sie dürfen sich nicht mehr alles gefallen lassen! Lehrkräfte sind nicht die Fußmatte für Personen, die gesellschaftliche Unzulänglichkeiten nicht sehen können oder nicht sehen wollen; sie sind nicht die Knechtschaft für anmaßende Herrschaftsversuche, auf welcher Ebene auch immer.
Wer möchte, daß wieder mehr junge Leute für ein Lehramt sich entscheiden, der muß dafür sorgen, daß der Ruf über die Arbeitsbedingungen an Schulen sich erheblich verbessert, und zwar nicht durch rhetorische Kunstgriffe und in den üblichen Sonntagsreden, sondern durch zielführende Arbeitsbedingen, zu denen neben methodisch-didaktischen Duchsetzbarkeiten aber auch die psychische Gesunderhaltung der Beteiligten gehört.
Damit zurück zum "Lehrermangel". Die KMK hat im Juni 2023 verlautbaren lassen, daß im Jahr 2030 rund 14.000 Lehrerinnen und Lehrer fehlen werden. Der Essener Bildungsforscher Klaus Klemm nennt dagegen gar eine Lücke von 80.000 Lehrkräften. Der Bedarf richtet sich natürlich auch danach, was seitens Schulen an Inhalten und Differenzierung angeboten werden soll. Wenn mittlerweile in Bayern angesichts des Mangels an Lehrkräften ernsthaft darüber nachgedacht wird, die Klassenstärken erheblich zu erhöhen (also ein Teilen einer Klasse ab einer gewissen Stärke zu erschweren), dann kann man sich leicht ausmalen, wie sich bei den dafür Verantwortlichen die Vorstellung von Erziehung und Bildung mittlerweile manifestiert hat. So eine Art Der-Zweck-heiligt-die-Mittel-Strategie wohl: Hauptsache ist, die Quantität an Schülern ist "versorgt", was dabei dann herauskommt scheint keine Priorität zu haben. Dabei ist das Arbeiten allein schon wegen der zunehmenden Zahl an Flüchtlingen, Asylanten und Inklusionsschüler nicht mehr pädagogisch angemessen zu leisten! Wer mehr Qualität in der Bildung will, der muß die Klassenstärken erheblich reduzieren, aber nicht vergrößern. Dazu fehlen nun jedoch die Lehrkräfte. Also braucht man sich nichts vorzumachen: die Qualität von Bildung und Unterricht wird zwangsläufig abnehmen, der Abschied vom Land der Dichter und Denker ist längst in vollem Gange ... Wir nähern uns immer mehr einer pädagogischen Flickschusterei! Dazu gehören auch Überlegungen zur Lösung der Unterbesetzung die Arbeitszeit der Lehrer zu erhöhen. Offensichtlich kein Gedanke und kein Verständnis für Belastungsgrenzen, auch nicht an Signalwirkungen auf Jugendliche bei ihrer zukünftigen Berufswahl ...
Zu beachten ist vor diesem Hintergrund, daß nur noch ca. 50.000 junge Menschen pro Jahr ein Lehramtsstudium beginnen, davon wird aber am Ende nur knapp die Hälfte auch als Lehrkraft arbeiten. Es schließen laut Stifterverband lediglich 20.300 ihr Lehramtsstudium abe, aber nur 28.300 beenden dann auch das folgende Referendariat. Und gute Noten erhält diese an das Lehramtsstudium sich anschließende Referendariatsausbildung keineswegs: "Es sind nicht die Schüler. Es ist diese absolute Willkür, die einen zermürbt." so schildert es eine Absolventin (FAZ.NET am 07.07.2023) Kein Wunder, daß auch danach noch Lehrkräfte den Job hinschmeißen, sich umorientieren.
In einer Erklärung zum Lehrkräftebdarf legte sich die KMK am 17. März 2023 auf gemeinsame Maßnahmen fest. Darin heißt es unter anderem: "Die Länder setzen sich dafür ein, die Attraktivität und die Wertschätzung des Lehrberufs in der Gesellschaft zu erhöhen." Richtig! Das wäre notwendig! Aber da hat man auch in der Vergangenheit wesentlich und zielführende Maßnahmen unterlassen, es hat faktisch eher eine Entqualifizierung von Schule stattgefunden. Und Stimmen wie die "Faule Säcke"-Definition eines Ex-Bundeskanzlers in seiner Despektierlichkeit den Lehrern gegenüber haben das Elend, wie wir es nun vorfinden, nur befördert.
Wer vor zwanzig bis dreißig Jahren (oder gar mehr) als Lehrkraft gearbeitet hat, der wird in aller Regel von anderen Zuständen berichten können. Da war noch weitgehend individualisiertes Arbeiten möglich, es gab weniger Unruhe, wie sie heute durch Administration und einigen "Bildungsforschern" mit den von ihnen geforderten Umsetzungsstrategien immer wieder verbreitet wird, es gab noch nicht diese Intensität an (ineffektiver, besser: kontraproduktiver!) "Elternwillen", die Qualität an Leistungserbringung waren noch nicht so abgesenkt (heutzutage dagegen in Teilen bis hin zur Unkenntlichkeit ...). Auch da war die Belastung der Lehrer nicht gerade gering, auch da gab es die einen oder anderen Probleme, unbestreitbar. Aber vergleichbar mit der heutigen Situation der Pädagogen ist das längst nicht mehr. Es mögen sich also mit ihren "Ratschlägen" und "Beiträgen" auch jene etwas mehr zurückhalten, die aus der Sicht und der Erfahrung besserer Zustände ihr Gegenwartswissen rekrutieren! Die Zeiten haben sich nämlich erheblich verändert! An dieser Stelle sollte nun eigentlich ein positiver Ausblick erfolgen, aber leider sehe ich dafür zur Zeit überhaupt keinerlei Substanz. Und ich bleibe dabei: wenn mich heute ein junger Mensch fragen sollte, ob ich ihm den Beruf Lehrkraft empfehlen könnte, dann muß ich leider dies heftig verneinen, ihm auf andere Wege raten ... Ich weiß, so eine Absage ist schlimm, denn eigentlich braucht die Gesellschaft viele, gute, engagierte und hochgeachtete Lehrer. Aber dafür muß eine Gesellschaft dann auch die Basis bieten! Und die fehlt derzeit. In Analogie zu dem altbekannten Satz "Eine Gesellschaft hat die Regierung, die sie verdient." möchte ich anmerken: "Eine Gesellschaft hat die Schule, die sie verdient."
(Abhandlung: Juni / Juli 2023)
Änderung der Teilzeitmöglichkeiten als sinnvolle Lösung zur Beseitigung des Lehrermangels (in Bayern)?
Der bayerische Ministerpräsident Söder und einige mit denselben Gedanken glauben eine Lösung für das Problem herrschenden Lehrermangels darin zu sehen, die Teilzeitmöglichkeiten von Lehrkräften zu reduzieren bzw. zu beseitigen. Ich halte den Gedanken insofern für einfältig als dabei der Aspekt der gegenwärtigen Arbeitsbedingungen an Schulen viel zu wenig gewichtet wird; ebenfalls scheint mir die zunehmende Arbeitsverdichtung durch weitere Aufgabenzuteilung an Schulen zu wenig oder gar nicht beachtet zu werden. Besseres schulische Arbeiten erforderte auf zweifelsohne Aspekte wie Integration, Inklusion, aber auch ineffektive, zeitraubende Zusatzbelastungen jeweils entsprechend zu gewichten und Kontraproduktives zu beseitigen, abzuschaffen.
Viele bürokratische Arbeit, viele sogenannte Fortbildungen, viele anberaumte Tagungen und Konferenzen, vielerlei Papierkram und Pseudodokumentationen (damit meine ich jene ohne wirklichen Wert für die schulische Alltagsarbeit) u.a.m. erschweren die Arbeitsbedingungen der Lehrkräfte und tragen nichts zu zielgerichteten Verbesserungen bei. Wertvolle Lehrkraftmanpower sollte nicht mit Überbelastung unterminiert werden, zudem dadurch zusätzlich auch noch gesundheitliche Belastungsmomente geschaffen werden.
Die Misere ist längst bekannt, wird aber von maßgeblichen Vertretern im Schulwesen und in Politik verharmlost, oft euphemistisch verklärt oder gar totgeschwiegn. Insofern wundern Kenner der Materie auch mediale Warnungen kaum mehr, die Verweigerung von sinnvollen Veränderungsmaßnahmen dafür um so stärker. So klagte man auf BR24 unter anderem am 14.05.2023 "Es reicht!": Warum immer weniger Menschen Lehrer werden wollen. Gesundheitsprüfung, Burnout, Druck von oben: In Bayern sind laut BLLV aktuell 4.000 Lehrerstellen unbesetzt. Neue Lehrer kommen kaum nach. Die Not ist groß: In einigen Fällen berichten Lehrer sogar davon, dass sie Noten erfinden müssten." Am 16.01. 2024 kommt auf BR24 auch Söders Vorschlag nach Änderung des Teilzeitangebotes alles andere als gut weg: "Weniger Teilzeit bei Bayerns Lehrkräften: Was würde das bringen? Strengere Teilzeitregeln für Lehrkräfte: Diese Idee von Bayerns Ministerpräsident Söder stößt auf Kritik – auch das Kultusministerium reagiert auf BR24-Anfrage sehr zurückhaltend."
Nicht besser der Tenor in der Süddeutschen Zeitung vom 08.02.2024: "Lehrerverband sieht Forderung nach weniger Teilzeit kritisch."; dabei wird unter anderem darauf hingewiesen, daß dadurch auch viele Lehrkräfte sich von der Schularbeit gänzlich abwenden, weil die Teilzeit gerade wegen Belastungsverminderung (oft: Kinder, Pflege, verantwortlicher Umgang mit eigener Gesundheit zum Erhalt der Leistungsfähigkeit, etc.) gewählt wurde. Noch reißerischer die SZ vom 19. Januar 2024: "Schule in Bayern:Söder und der Teilzeit-Schock." In diesem Artikel wird auch darauf hingewiesen, daß seit die Teilzeit an Grund- und Mittelschulen fast nur noch aus familiären Gründen möglich ist, die Zahl der dienstunfähigen Lehrer rapide angestiegen sei. In der Augsburger Allgemeinen schrieb Sarah Ritschel am 08.023.2024 unter "Bildung": "Einschränkungen bei der Teilzeit: Lehrer fürchten Negativ-Effekt." Meines Erachtens sollte in den Medien nicht nur (übervorsichtig? mit falscher Rücksichtnahme) die Stellungnahme von Verbänden zitiert werden, sondern unmißverständlich auf all die vorherrschenden Mängel hingewiesen werden, die das Arbeiten an Schulen immer mehr zu einem Drahtseilakt geraten läßt. Die Politik muß endlich gezwungen werden, statt Beschönigungen und Verharmlosung zu bemühen, sich der gesellschaftlichen Wirklichkeit besonders hinsichtlichen schulischen Alltags zu stellen. Da gehört eine ganze Menge überpüft, angefangen von den zusätzlichen Belastungen wie Inklusion und Integration (hier müßten einmal zunächst die Bedingungen der Möglichkeit gründlich und frei von Wunschdenken untersucht werden, damit man ggf. diese erst einmal so ändert / schafft, daß jene verbalen Sonntagsredenversprechen überhaupt umgesetzt werden können) über fragwürdige Leistungsanforderungsgrenzen bis hin zu einer meines Erachtens völlig übertriebenen Position des Elternwillens bei der Entscheidung in schulischen Angelegenheiten (wozu auch die Entscheidungen über den Übertritt gehören!).
In einem zwangsläufig kurz gefaßten Leserbrief an die AZ habe ich einige meiner Überlegungen am 08.02.2024 folgendermaßen ausgeführt:
"Sehr geehrte Damen und Herren,
zu dem unter "Betreff" genannten Artikel möchte ich folgende Gedanken als Leserbrief anbieten:
Wenn Herr Söder in der Reduktion der Teilzeitmöglichkeiten für Lehrkräfte eine Lösung für Miseren an den Schulen sieht, dann zeigt er eigentlich das, was er Teilen der Bundesregierung immer wieder vorwirft: Unfähigkeit zum Erkennen und somit auch zum möglichen Lösen von Problemen. Viele Lehrkräfte dürften nicht nur aus familiären Gründen (Erziehung von Kindern, Leistungen von Pflege) ihre Arbeitszeit reduziert haben, sondern auch, weil sie den zunehmenden belastenden Situationen im schulischen Alltag zwangsläufig und verantwortungsvoll begegnen: also ihrer Pflicht zur Gesunderhaltung nachkommen wollen / müssen. Nur gesunde, jeweils entsprechend belastbare Lehrkräfte können etwas zur Verbesserung der Unterrichtsgegebenheiten beitragen! Teilzeit ist in den überwiegenden Fällen kaum ein Aspekt reiner Work-Life-Balance. Herr Söder sollte sich verstärkt um die Verbesserung der Arbeitsbedingungen an Schulen Gedanken machen und nicht vorschnell (wohl auch etwas populistisch) nach Veränderungen der Teilzeitmöglichkeiten rufen. Der Schule sind "von oben" längst Aufgaben verordnet worden, die unter den gegebenen Bedingungen nicht mehr adäquat zu leisten sind. Negative Änderungen an den derzeitigen Teilzeitmodellen führen letztlich zu mehr Burnout, Krankheit, psychische Belastungen u.a.m.! Damit fallen dann zumindest mittel- und langfristig noch mehr Lehrkräfte aus. Zudem wird der Arbeitsplatz Schule noch unattraktiver und junge Menschen, die vor der Berufswahl stehen, dürften angesichts anderer (heutzutage besserer) Alternativen kaum den Beruf einer Lehrkraft wählen."
Eine ergänzende Anmerkung erscheint mir hier noch wichtig: es hat sich mittlerweile der Begriff Work-Life-Balance eingebürgert. Dieser Konvention folgend, habe ich ihn auch verwendet. Wer jedoch exaktr nachvollzieht, worum es hier eigentlich geht, der wird mir zustimmen, daß der Begriff sinnvollerweise Work-Leisure-Balance lauten müßte.
Alles in allem: solange sich im schulischen Arbeiten, auch hinsichtlich der Wertschätzung und Unterstützung der Lehrkräfte in ihrem Bemühen nichts Wesentliches in positiver Richtung ändert, kann man nur abraten, heutzutage noch diesen Beruf zu ergreifen. Es sollte bei der Betrachtung / Bewertung eingehend betrachtet werden, daß zunehmend viele Erziehungsberechtigte (= Erziehungsverpflichtete) ihren Aufgaben nicht hinreichend nachkommen und den Lehrern zusätzliche Schwierigkeiten bereiten. Es muß in diesem Lande auch wieder mehr Betonung auf Eigenverantwortung gelegt werden!
Nota bene: diese Abhandlung ist zusätzlich noch an anderer Stelle auf diesen Webseiten zu finden, weil er auch dorthin bestens paßt ... (vgl.: So zielführend? Teil II)
Wichtig ist natürlich ebenfalls, daß Lehrkräfte auch Individualisten sind, sein sollen, daß sie eine eigene Persönlichkeit aufweisen und diese auch lebendig werden lassen. Natürlich macht es hier die gesunde Ausgewogenheit, die Natürlichkeit eigenen Seins. Abziehbilder und (unkritische) Mitläufer können, dürfen nicht die Antwort auf die Herausforderungen der vielen Interaktionen und Anforderungen sein. Auch beschwichtigende oder gar eunphemistische, relativierende Verharmlosung (wie Helmut Zöpfls "Erziehung zum kritischen Ja") dürfen keinen bestimmenden Platz im Erziehungsgeschehen haben, will man wirkliche und positive Veränderungen erreichen. Merke, es gilt aber auch dies:
"Der Individualist als Typus ist auf der Suche nach kleinen, unerhörten Begebenheiten, in denen sich seine Unverwechselbarkeit ausdrücken soll. (...) Ein Individualist, der nur dann einer ist, wenn die anderen es auch merken, ist einem kläglichem Selbstmißverständnis in die Falle gegangen."
Wilhelm Genazino (aus: Auf der Kippe, Ein Album, Rowohlt Reinbek bei Hamburg 2000, S.58)
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