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Ist es so zielführend?
Im Handelsblatt vom 9. November 2018 wurden unter der Überschrift "In Deutschland hat der Lehrerberuf ein miserables Image" einmal mehr Sachverhalte angesprochen, die äußerst nachdenklich stimmen sollten. Vor allem auch die für das Schulwesen und für die Bildungsgestaltung Verantwortlichen ... Die warnenden Stimmen gibt es jedoch schon seit mindestens zwei Jahrzehnten; wirksame Abhilfe wurde jedoch nicht geleistet. Eher das Gegenteil ist der Fall: die Arbeitsbedingungen für Lehrkräfte verschlechtern sich zunehmend.
Einer repräsentativen Studie zufolge würde nur jeder Fünfte seinem Kind empfehlen, Lehrer zu werden! In Europa ist das der niedrigste Wert ... Dieser schlechte Empfehlungswert von 20 Prozent der Befragten ist ähnlich schlecht wie in Ägypten und Brasilien. Das müßte vor allem die Politik und Administration aufrütteln. Tut es das auch? Skepsis ist angebracht -- dies auch auf der Grundlage vieler Erfahrungen aus der Vergangenheit. Wie kann es sein, daß ein Beruf, der zu früherer Zeit einmal sehr schön, interessant und erfüllend war, der weithin breite Anerkennung fand, bei dem man zudem immer noch recht gut verdient, seit Jahren eine zunehmende Abwertung erfährt? Das mieseste Image in ganz Europa hat Deutschland hier zu bieten ... Damit liegen wir unmittelbar hinter Großbritannien mit seinen 23 Prozent, die vom Ergreifen dieses Berufes abraten. So die Studie der britischen Varkey-Stiftung. (Allerdings verweist diese nun auf eine leichte Steigerung bei den Empfehlungen, denn gegenüber 2013 waren es nur mehr 19 Prozent, die ihrem Nachwuchs den Lehrerberuf empfohlen hatten.)
Und wie sieht es in anderen Ländern aus? Laut Handelsblatt empfehlen in Indien mehr als die Hälfte den Lehrerberuf, in China sind es fast ebenso viele. Spanien und die USA liefern 40 Prozent, die Schweiz gut 30. Schlechte Gegenbeispiele gibt es jedoch einige: in Russland bedeutet der Lehrerberuf "fast nichts", denn nur 6 Prozent empfehlen diese Berufswahl. Ganz schlecht sehe es auch in Israel, Japan, Ungarn und Portugal aus, so die Zeitung.
Warum ist denn das Ansehen des Lehrerberufs in Deutschland so schlecht? Es drängt sich die Vermutung auf, daß dies unter anderem auch damit zusammenhängt, daß Schüler ihre Lehrer immer weniger respektieren. Davon sind zumindest 22 Prozent der Befragten überzeugt.
Ein paar Angaben zur Varkey Studie, die als "die umfassendste Umfrage, die jemals zum Thema des weltweiten Respekts gegenüber Lehrern erstellt wurde" beschrieben wird: In 35 Ländern wurden 35.000 Erwachsene im Alter von 16 bis 64 Jahren befragt, das macht rund 1000 Personen pro Land. Befragt wruden auch 5.500 Lehrkräfte im aktiven Dienst. Dies ist die zweite Umfrage zu dieser Thematik, der erste Global Status Index wurde 2013 in 21 Ländern durchgeführt. Man sieht, zumindest in der Befragung über Befindlichkeit und Zustände im Lehrerberuf tut sich etwas; vielleicht wecken die Ergebnisse dann doch jene etwas auf, die gerne die Wirklichkeit ignorieren bzw. wenig oder nichts zur Verbesserung der Verhältnisse beitragen, stattdessen sich in Wunschdenken einbetten und mit Euphemismen die Dinge schönreden, damit verharmlosen.
Die Studie geht auch genauer auf die Verdienstsituation der Lehrkräfte ein. In den meisten Ländern erhalten Lehrkräfte geringere Gehälter als die jeweiligen Bürger als fair erachten. In Deutschland sieht das mit der Bezahlung jedoch besser aus: die Varkey-Stiftung gibt das Einstiegsgehalt der Lehrer an weiterführenden Schulen mit "kaufkraftbereinigten gut 65.000 US-Dollar an, das zweithöchste Gehalt aller untersuchten Länder. Besser verdienen Lehrer nur noch in der Schweiz: 77.000 US-Dollar. Der Verdienst ist jedoch natürlich auch im Zusammenhang mit der Wochenarbeitszeit zu bewerten. So geben deutsche Lehrer an, wöchentlich knapp 45 Stunden zu arbeiten, wobei die Öffentlichkeit glaubt, sie arbeiteten "nur" etwa 42 Stunden. Diese Differenz, so Peter Dolton vom britischen National Institute of Economic and Social Research, das die Studie für die Varkey Stiftung erstellte, gebe es weltweit: "In der überwältigenden Mehrheit der Länder arbeiten Lehrer weitaus mehr Wochenstunden als die Öffentlichkeit denkt."
Interessant ist auch folgender Aspekt: Anders als in anderen Ländern hängt in Deutschland die Leistung der Schüler grundsätzlich nicht eng mit dem Lehrerimage zusammen. Denn hier konnte gezeigt werden, daß das Lehrerbild "ausgesprochen schlecht" ist, "die Pisa-Ergebnisse hingegen rangieren im oberen Mittelfeld". Weltweit sieht das jedoch nicht so aus: da waren die Pisa-Ergebnisse der Schüler tendenziell besser, je besser auch das Bild von Lehrern in der Öffentlichkeit ist, so Peter Dolton. Aber ich denke, es wäre falsch, hier bereits von einer positiven bzw. negativen Korrelation zu sprechen, denn dafür müßten noch andere Variablen, die Bildung und Unterricht beeinflussen, zunächst hinzugezogen werden. Gleichwohl wird durch dieses aufgezeigte "Mißverhältnis" (wenn man es denn so nennen möchte) ein Weg gewiesen, den es genauer zu untersuchen gilt. Das heißt jedoch, es darf bei einer Aufarbeitung der Situation der Lehrkräfte in Deutschland keine Tabu-Themen geben. Schröders "faule Säcke" (so der Ex-Kanzler in seiner damaligen saloppen wie unverschämten Lehrereinschätzung) ist nur ein Beispiel, daß man hier bei der Aufarbeitung auch Wege gehen muß, die auf den ersten Blick von einigen vielleicht als irrelevant angesehen werden.
Es hilft uns in Deutschland nichts, wenn in der Studie auch festgestellt wird, daß sich weltweit in den letzten fünf Jahren das "Ansehen der Lehrer in den meisten Ländern verbessert" habe (so Dolton). Und sollte durch Einsicht oder gar steigene Not man in der breiten Öffentlichkeit hierzulande doch noch zu einer besseren Einschätzung der Lehrerarbeit kommen, dann würde das keinesfalls bedeuten, daß die "Arbeit vor Ort", damit die konkrete physische und psychischen Belastung von Lehrkräften gemindert würde. Denn die Arbeitsbedingungen und die Erwartungshaltungen (faktisch Schule als Reparaturbetrieb für gesellschaftliche und familiale Unzulänglichkeiten und Versäumnisse zu sehen!) wären damit noch lange nicht verbessert und auf eine realistischere Basis gestellt.
Ein kursives Fazit: Generell hat die Studie gezeigt, in Deutschland ist das Lehrerimage sehr schlecht, der Beruf trotz guter Bezahlung für viele unattraktiv. (Nicht erfasst sind in der Studie die zunehmend größere Belastung, damit verbunden die schlechteren Arbeitsbedingungen an den Schulen, die zunehmenden falschen Erwartungshaltungen vieler Eltern, das Vernachlässigen von häuslicher Erziehung sowie permanenter Aktionismus, der schulisches Arbeiten eher stört als unterstützt, um nur ein paar der die Lehrkräfte belastenden Aspekte zu nennen. Eines kann man aber auch deutlich aus der Studie ablesen: Geld ist längst nicht alles, Geld allein macht noch kein attraktives Berufsbild ...) Vor allem in asiatischen Ländern genießen Lehrkräfte "ein wesentlich höheres Ansehen, als jene in westlichen Ländern. Außerdem wird Lehrern in Südamerika erneut der niedrigste Status zugeschrieben." Schlechtere Ergebnisse sollten für uns jedoch auf gar keinen Fall ein Anlaß für eine darauf bezogene relative Betrachtung unserer "Bildungsleistungs-Situation" sein ...
Noch eine Anmerkung zur Varkey-Stiftung. Diese wurde von dem Inder Sunny Varkey gegründet. Er ist ein Unternehmer, mittlerweile in den Emiraten wohnhaft. Seine Firma sit die GEMS Education und sie betreibt "in mehr als einem Dutzend Länder mehr als 130 Schulen und Kindergärten.
Was uns bleibt? Zu hoffen, daß sich die Verhältnisse an den Schulen und damit für die schulische Bildungs- und Erziehungsarbeit in Deutschland wieder entscheidend verbessern; damit verbunden wäre dann natürlich auch die Hoffnung, daß sich der Lehrermangel, der angeblich bis mindestens 2030 noch dramatisch sein soll (ich gehe angesichts der Populationsentwicklung davon aus, daß 2030 noch lange nicht die Deadline für dramatischen Lehrermangel sein wird, denn durch Mehrbelastungen wie beispielsweise Inklusion und Integration wird erheblich mehr und zusätzlich qualifiziertes Personal benötigt, will man diese Aufgaben auch nur annähernd in den Griff bekommen und bewältigen ...), wieder in eine positive Richtung gesteuert werden kann. Und die Verantwortlichen sollten angesichts des breiten Fachkräftemangels auf allen Ebenen durchaus in ihr Kalkül ziehen, daß der Arbeitsmarkt zukünftig sehr wohl attraktivere Alternativen zu einem Lehramtsstudium bieten könnte ... In diesem Sinne: rechtzeitiges und gutes Erwachen!
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